von Clemens Graf von Hoyos, Knigge-Experte und Kolumnist der TWEED
„Respektiere Dich selbst, wenn Da willst, daß andre Dich respektieren sollen. […] Handle weniger andern zu gefällen, als um Deine eigene Achtung nicht zu verscherzen, gut und anständig!”
Adolph Freiherr Knigge
Sie haben in den letzten Ausgaben eine grobe Übersicht über die Themen erhalten, die wir aktuell mit Knigge verbinden: Dresscodes, Smalltalk und allen voran Tischsitten. Bereits in den Beiträgen zuvor hatte ich dargelegt, dass all das eher eine äußere Form einer inneren Haltung ist – und zwar speziell die der Wertschätzung. Allerorts wird derzeit vom Verlust selbiger gesprochen, sei es in erodierenden Beziehungen im Privatleben oder im Arbeitsalltag.
Leider erschöpft sich die Kreativität in Sachen Wertschätzung häufig schon beim Obstkorb für die Abteilung und dem Büchergutschein zum Geburtstag. Das Höchste der Gefühle ist womöglich ein anerkennendes Schulterklopfen bei pünktlich abgelieferter und überraschend hochwertiger Arbeit. Doch werfen wir gemeinsam einen genaueren Blick auf das Thema Wertschätzung – und zwar zunächst aus einer psychologischen und dann aus einer soziologischen Perspektive.
Der österreichische Psychiater und Psychotherapeut Prof. Dr. Reinhard Haller legt in seinem Buch „Das Wunder der Wertschätzung“ dar, dass es für einen wertschätzenden Umgang aus psychologischer Sicht die drei großen „Z“ braucht. Das erste Z steht für Zuwendung. Nasenspitze, Bauchnabel und Fußspitzen zeigen auf Ihr Gegenüber, damit es sich Ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit bewusst sein kann. Das Smartphone bleibt in der Tasche. Das zweite Z steht für Zeit. Sich diese unwiederbringliche Ressource für jemanden zu nehmen, ist bereits ein hohes Maß an Wertschätzung. Das dritte Z steht für die Zärtlichkeit. Bevor Sie jetzt jedoch im Büro eine Nackenmassage einfordern, muss ich Sie enttäuschen: Das Wort dient hier dem Stilmittel der Alliteration, gemeint ist Sanftmut. Das bedeutet, Menschen und Probleme getrennt voneinander zu betrachten. Nur weil ein Mensch in unseren Augen ein absoluter Volltrottel ist, heißt das nicht, dass wir ihn auch genauso behandeln. Jeder Mensch hat es verdient, des Menschen würdig behandelt zu werden.
Nähert man sich dem Thema aus soziologischer Sicht, bedarf es einer genaueren Betrachtung der Begriffe „Entgegenkommen“ und „Zuvorkommenheit“. Das Entgegenkommen darf zunächst durchaus körperlich verstanden werden. Anstatt über die Büroflure oder durchs Haus zu schreien, wenn Sie etwas brauchen, nehmen Sie doch bitte den Weg zum Adressaten auf sich und sprechen die Person direkt an. Alles andere ist geringschätzend. Geistiges Entgegenkommen bedeutet, nicht länger Positionen, sondern Interessen miteinander zu verhandeln. An dieser Stelle sei ergänzend zu Knigges Werk „Über den Umgang mit Menschen“ auch das Buch „Das Harvard-Konzept“ von Roger Fisher empfohlen, in dem Sie mehr über diese Maxime erfahren. Zuvorkommenheit ist zu Ende gedachte Aufmerksamkeit. Wenn jemand vor Ihnen versehentlich einen Handschuh verliert und Sie stellen dies schulterzuckend fest, sind Sie in dieser Sache aufmerksam gewesen. Diese Aufmerksamkeit bleibt allerdings ohne Konsequenz. Heben Sie den Handschuh also lieber auf und drücken Sie selbigen der Person bei nächster Gelegenheit in die Hand. Das gilt natürlich auch für das Hochwuchten des Koffers auf die Ablage im Zug, das Aufhalten von Türen und noch vieles mehr.
Versuchen Sie bitte schlichtweg, für Ihre Mitmenschen mit- und fünf Meter vorauszudenken, unabhängig von den unzähligen soziokulturellen Codes, die wir in den unterschiedlichen Formaten der KniggeAkademie vermitteln, lässt sich Knigge und diese aus sechs Teilen bestehende Kolumne wohl wie folgt am besten zusammenfassen: Aufrecht dastehen, freundlich lächeln, immer höflich „Bitte“ und „Danke“ sagen sowie begreifen, dass jeder Mensch gesehen, gehört und verstanden werden möchte. Ich für meinen Teil sage: Herzlichen Dank fürs Lesen!
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